Der Platz neben mir … (Teil I)

… oder

Ein hoher Preis

Ich werde nie vergessen, was Luciano damals in der Bar in Eppendorf zu mir sagte. Er war der Quoten – Italiener, wenn an der Hamburger Oper mal wieder eine Puccini – oder Verdi –  Oper zu dirigieren war. Dann flog er aus Bukarest ein, wo er zu dem Zeitpunkt ein Dirigat bei dem dortigen Radio und Symphonie Orchester hatte. Ich glaube, er ist immernoch dort. Sicher kann er mehr. Verstehe ich nicht, warum er nicht längst woanders arbeitet. Hatte er nicht von San Francisco gesprochen?

Wir hatten uns im Flieger nach Hamburg kennen gelernt, als er seine Partitur las und Friedrich ihn dann fragte, ob er Pianist sei. In diesem herrlich theatralisch gebrochenen Deutsch, so wie es nur Italiener fertig bringen, antwortete er aus seinen wirren graumelierten Locken heraus lächelnd: naaiin naaaiiiin, isch biiin Dirrrigeenttte und rollte mit seinen großen dunklen Augen über den Gang in unsere Richtung. Si si si, certo, ovviamente. Un huomo molto speciale, chiaro, ho capito subito.

Jedenfalls kam es irgendwie dazu ( – ich hatte mir bei meinem Brief an ihn wirklich ziemlich Mühe gegeben), dass wir uns anfreundeten. Mehr ging nicht, denn in Bukarest gab es die 1. Violine oder die Chef – Cellistin oder wen auch immer als personifizierten limitierenden Faktor. Dass Frauen wie ich dann an dieser Stelle nicht weiter denken, muss ich wohl hier nicht näher erläutern. Warum manche Männer diesbezüglich immernoch sehr naiv sind, frage ich mich oft …

Ich hatte ihm in einigermaßen unterhalsamer Form geschrieben, ich hätte also jetzt eine Karte für La Traviata und säße dann in der ersten Reihe. Und dass ich mich natürlich sehr freute, ihm beim Dirigieren zusehen zu können. So quasi über die Schulter.

An besagtem Abend habe ich mich dann in die Oper begeben und als es dunkel wurde und die Menschen aufhörten zu reden und rechts neben dem Orchestergraben die Tür aufgerissen wurde, trat Luciano ans Licht und kam angerauscht, stellte sich mit dem Rücken vor seine Musiker und sah sich die erste Reihe erst einmal genauer an. Von rechts nach links und wieder zurück, solange, bis er mich gefunden hatte. Ein kurzes Nicken, dann drehte er sich um und es ging los.

Es gefiel mir, was ich beobachtete, vor allem seine konsequent hoch dynamische, temperamentvolle Art. Nach der Vorstellung trafen wir uns am Bühnenausgang und da er sich noch mit den Künstlern zu treffen hatte, verabredeten wir uns für die kommende Woche.

Wir trafen uns dann zum ersten Mal im Alsterpavillion. 15 Uhr. Allein dieses Erlebnis war wieder so typisch. Ich, immer etwas überdreht. Immer leicht zerstreut. Aber an diesem Tag kulminierte alles und es kam noch eine wirklich sehr witzige, andere Komponente hinzu, die mir bis heute extrem peinlich ist. Zugegebenermaßen (wann trifft man schon mal einen Maestro?) war ich etwas nervös. Mit Tasche und ein paar Papieren, inklusive meiner Lieblingsnocturne von Chopin (die schöne in b-moll), die ich ihm schenken wollte, unter dem Arm, betrat ich den Pavillion. Ich musste im Slalom einigen voll besetzten Tischen und Stühlen ausweichen, hatte ihn aber am Ende des Raumes schon ausgemacht und fixiert. Er stand da in seinem schwarzen Anzug, lächelte und streckte mir seine offenen Arme entgegen, als ich plötzlich vor allen Leuten mit dem rechten hohen Absatz auf dem Parkett wegrutschte und in Zeitlupe nur noch meinen Trenchcoat, alle Blätter und die Nocturne in die Luft fliegen sah und als hätte einer eine weiße Taube abgeschossen rieselten die weissen Blätter und die Noten, wiegend wie Federn, langsam auf mich herunter. Mamma mia, wie peinlich. Luciano kam sofort angerannt und zeigte mir seine einzigartig warme italienische Mutterfürsorge. Nein, nein, keiner verletzt. Der Nachmittag war dann noch so so so schön. Voller Tempo, aber gefühlvoll. Nachdenklich und auch begeisternd und warm. Eben weil Signore di Milano so war, wie er war.

Und dann der Abend in Eppendorf. Er erzählte aus seinen Studentenzeiten, dass sein Wohnzimmer, das einzige Zimmer,  exakt so groß war, wie sein Flügel und dass er deshalb unter dem Flügel schlafen musste. Klar, hatte ich vollkommen verstanden. Manchmal muss man eben Prioritäten setzen. So lebe ich bis heute.

Wir waren inzwischen sehr viel vertrauter miteinander, sprachen über tiefgehend Privates und kamen zu dem glorreichen Schluss, dass eigentlich jeder so seinen Psychiater haben sollte, – das wäre für uns alle das Beste. Ich fragte ihn danach, ob er nicht etwas vermisse. Eine, seine Frau, Kinder, überhaupt eine Familie. Gerade als Italiener. Er sah mich lange an und schien plötzlich sehr viel melancholischer als sonst. Dann erklärte er äußerst schlüssig, dass man eben als Künstler die Wahl habe zwischen nur zwei Zuständen. Entweder man bleibt sehnsüchtig allein und ist gut, oder umgekehrt.

Was Du meinst, mein Lieber (ohne anmaßend sein zu wollen, – aber Deine Anerkennung hatte ich ja), verstehe ich immer besser, – von Tag zu Tag.

http://www.hochbegabtengedanken.com

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