um wen genau geht es hier eigentlich

Die Präsenz in Portalen sozialer Netzwerke führt bekanntlich hin und wieder dazu, gefunden zu werden. So geschehen vor zwei Wochen. Ich hatte mich eingeloggt, unter anderem um meine andere berufliche Seite voranzutreiben und um das Terrain möglicher Sponsoren für mein aktuelles Projekt zu sondieren.

Die Mail, die ich bekam, hatte einen fast unterwürfigen Ton. Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst und Danke für Deine Nummer etc. So kannte ich ihn gar nicht. Nennen wir ihn Frank. Meinen ehemaligen Biologie-LK Kollegen von vor vielen Jahrzehnten aus W., einer typischen Kleinstadt in der jeder jeden kennt und (schlimmer noch) meint, beurteilen zu können, was mich noch immer ziemlich abschreckt. Ich antwortete schnell und unkompliziert und es entwickelte sich eine kleine vorbereitende Korrespondenz, in der er den Wunsch äußerte, lieber gern telefonieren zu wollen. Für meinen Geschmack etwas zu schnell, – ich dachte mir aber nichts dabei. Ob ich denn kein Facetime hätte, was den Vorteil habe, dass er mich dann sehen könnte. Ich sei zu Hause, sagte ich, und zu Hause sähe mich selbstverständlich und grundsätzlich niemand, – schon erst recht nicht, weil ich beruflich permanent in einer Art Öffentlichkeit stände. Was fällt ihm ein?

Er nahm Bezug auf ein Foto von mir im Netz, übrigens das einzige Bild, was von mir dort zu finden ist, das aber merkwürdigerweise in genau diesem speziellen Portal gar nicht veröffentlicht wird. Komisch, naja. Ich habe inzwischen gelernt, Widersprüche erst einmal zu sammeln, sie dann zu überdenken und dann unter Umständen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Das Telefon klingelte und es kam zu einem ersten kurzen Gespräch, in dem er sich genau so unterwürfig wie in der ersten Mail zunächst einmal entschuldigte, dass er eigentlich nur ankündigen wolle, etwas später noch einmal anzurufen. Es war morgens, ca. um 11. O.K. dachte ich, er hält mich also beschäftigt. Sehen wir mal, wie das weiter geht.

Circa eineinhalb Stunden später klingelte wieder mein Telefon und Frank war dran.

‚Ich habe Dich gleich wieder erkannt‘, hieß es in seiner betont untertourig rauhen Stimmlage, künstlich lässig.
‚Aha‘, schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Wiederaufnahme unseres Kontaktes war mir klar, dass manche Leute gegen Weiterentwicklung resistent zu sein scheinen. Mein Gefühl sollte mich nicht trügen,- es ging selbstverständlich um Äußerlichkeiten, was hatte ich anderes erwartet.
‚Nur dein Mund ist nicht mehr so sinnlich, aber das ist wohl dem Alter zuzuschreiben‘, musste ich mir innerhalb der ersten Minute anhören und konnte mir das Gähnen kaum verkneifen.
‚Anscheinend gehörst Du zu denjenigen, die immernoch auf ausschließlich visuelle Reize ansprechen, – Personen mit dieser Art selektiver Wahrnehmung gehören gemeinhin nicht zu meinem Kreis‘, entgegenete ich.
Ich spürte, wie er vorsichtig kurz zurückschreckte und dann fragte er mich, ob ich die Unterhaltung beenden wolle, worauf ich ihn erst einmal gewähren ließ. Gleichzeitig absurd, mich für diese Art Gespräch zur Verfügung zu stellen, fand ich es trotzdem interessant. Ich wusste schnell, dass sich eine weitere Geschichte für meine Sammlung verschiedener narzisstischer Existenzformen und ihrer Verhaltensweisen respektive Unverschämtheiten entwickeln würde. Es sollte also quasi ‚Feldforschung‘ werden. Eigentlich eine Methode der Ethnologen.

Ich lebe inzwischen in New York und er immernoch in W., aber mangels Vorstellungskraft ob meines vergleichsweise cosmopolitischen Lebens wurde er nicht müde, mir von seinen Reisen, seinem Handicap, seinen derzeit favorisierten Autoren und seiner Lions-Club-Mitgliedschaft zu erzählen. Und delikaterweise auch von seinen diversen Beziehungen, vor allem aber von seiner aktuellen!

Ob ich eigentlich rauchen würde, fragte er, also d a s sei für ihn ein absolutes Ausschlusskriterium. Ich musste kurz den Atem anhalten. Ein eindeutiger Übergriff. Die schleichende Objektifizierung nahm seinen Lauf. Inklusive zunehmender Überheblichkeit! Servil war morgens um 11. So schnell kann sich das ändern.

Wieder hieß es nach einer Weile, er habe noch zu tun, aber wir könnten uns ja spät abends noch einmal sprechen, – worauf ich sagte, er solle es einfach probieren. In den dazwischenliegenden Stunden fragte ich mich das ein oder andere Mal, was genau er wohl von mir wolle. Diese Frage stelle ich mir zur Zeit bei vielen früheren Freunden und Bekannten, die seit einigen Monaten plötzlich wieder aufkreuzen und mir mit Wucht von sich offenbar erzählen m ü s s e n. Erzähle ich von mir, gehen sie vergleichsweise nur wenig auf mich ein. Vielleicht verstehe ich irgendwann, was das soll. Aber Danke, keinen Bedarf.

Da mein Sohn spät abends noch Besuch hatte, war auch ich noch wach. Tatsächlich, um ca. 23 Uhr klingelte mein Handy und Frank war dran. Unser Pseudo-Austausch ging also weiter und ich startete ein/zwei Versuche, ihm Situationen aus meinem damaligen Leben zu schildern, in denen ich mich schlecht gefühlt hatte und die heute unter anderem der Grund dafür sind, dass ich dabei bin, ein Buch zu schreiben. Ich bildete mir immernoch ein bisschen ein, er interessiere sich wirklich für mich bzw. zumindest für das im Entstehen begriffene Buch. Er, der Vorzeige-Bildungsbürger. Zumal er zu den Kunst- und Kultur Konsumenten gehört, die sich besuchte Ausstellungen und Bildungsreisen wie Geweih-Trophäen an die scharlachrot gestrichenen Wände ihres Salons hängen, direkt über den Kamin. Oder in den großzügigen Treppenaufgang hoch zur Empore.

Ich erzählte kurz von dem Morgen, an dem meine Mutter mir während eines erbitterten Streites heißen Kaffee in den Nacken geschüttet hatte und ich unter Tränen eine Englisch-LK Klausur schrieb, die dann die klassenbeste wurde. Kein Wunder, bei der Adrenalinkonzentration im Blut.

‚Dann hättest du es vielleicht immer so machen sollen …‘, war das einzige, was ihm dazu einfiel. Da war sie wieder, die für Narzissten ebenso signifikante wie alarmierend fehlende Empathie. Es sollte wohl witzig sein.

Meine Entscheidung stand fest.

Da ich Jet-Lag hatte blieb ich sowohl lange wach, als auch am nächsten Tag bis mittags im Bett. Ich schaltete nachmittags mein Handy ein und erhielt sofort eine Nachricht darüber, dass er angerufen, nicht aber auf die Mailbox gesprochen hatte. Am übernächsten Tag das Gleiche. Ich antwortete kurz, dass ich momentan für zeitintensive Gespräche in so hoher Frequenz keine Zeit hätte. Er schrieb zurück, mein Ton sei schroff. Ich fragte mich, woraus er den Anspruch ableitete, sich nun täglich mit mir unterhalten zu können und sah mich gezwungen, diese einseitige Angelegenheit zu beenden.

Unsere Schriftverläufe hat er gelöscht. Ich dagegen mache grundsätzlich Screenshots. Für wie dumm wird man eigentlich manchmal gehalten …

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