Der Geräuschemacher

Meistens sind sie die Folge auf  einen starken innerlichen Sturm, wenn sich alles langsam wieder legt. Die Tage nachdem ich hin und hergerissen worden bin zwischen neuen und alten Gefühlen, zwischen dem Ausblick auf Möglichkeiten und der kleinen Angst davor. Vielleicht soll sie mich im Zaum halten, diese Stille, damit ich nicht zu groß träume und mich daran erinnern, dass wirkliche Veränderungen nur langsam wachsen statt sich zu vergaloppieren.

Automatisch spule ich meine Rituale ab, die sich nicht wie sonst spurlos in die Abfolge meiner Handlungen einreihen, sondern seit dem frühen Morgengrauen laute Geräusche machen. Als ob der Geräuschemacher im Synchronstudio sie zu laut werden ließe. Unverhältnismäßig laut.

Es ist wohl diese Stille in mir, die mich den Schall stärker wahrnehmen lässt, als sonst. Ob es die zufallende Kühlschranktür ist, die Tasse, die ich aus dem Hängeschrank nehme und auf die Bar stelle oder das laute, dumpfe Knacken, wenn ich dem Marmeladenglas das Vakuum nehme. Alles ist viel lauter, als sonst.

Du warst sehr präsent in den letzten Wochen und Monaten und hast uns elegant durch die Jahres – und Tageszeiten geführt. Ich habe Dir vertrauensvoll diese Führung überlassen, denn wie niemand zuvor hast Du präzise die allerfeinsten Ausschläge meiner Gedanken gespürt und sie in vollendeter Form gedeutet. Über einen Ozean hinweg ist Dir gelungen, was andere nicht schaffen, wenn sie neben mir sitzen. Du brauchst noch nicht einmal die subtilen Schwingungen meiner Sprache um ebenfalls nicht mit Deiner Sprache den exakt stimmigen Ton zu treffen. Es gelingt Dir innerhalb dieses unvollständigen sprachlichen Kompromisses, dessen wir uns bedienen, manchmal nur das eine einzig passende Wort im jeweils passenden Moment zu sagen.

Ich ahne, was diese Stille bedeutet. Überwältigt bin ich. Genau genommen finde ich überhaupt gar keinen Ausdruck für diese Synchronizität, denn ich kannte sie nicht. Ich war es nicht gewohnt gespiegelt zu werden. Ich war auf das Alleinsein eingestellt. Und dann stellt sich plötzlich heraus, dass ich nicht allein bin auf dieser Welt mit meiner Art, die Dinge zu betrachten und zu jedem Zeitpunkt immer nur das Feinste zu sehen und zu spüren.

Ich bin sogar geneigt, mich zufrieden zu geben. Mich zufrieden zu geben in dem Bewusstsein darüber, dass es Dich gibt. Jedes Mehr an Wollen, jedes grobe und vulgäre Verlangen würde sicher das über den Ozean gesponnene Netz der filigranen gedanklichen und gefühlten Übereinstimmungen bedrohen. Die Stille ist meine Zurücknahme. Nur langsame, leise Bewegungen machen und nur nichts unachtsam behandeln. Was da ist hat zurecht den Anspruch auf Schutz. Die Stille ist mein Respekt.

Eigentlich möchte ich es lachend herausschreien, die Freude über die Tatsache, dass ich in all den Jahren auf diesen vielen Wegen in unzähligen Wäldern mit meinen Gedanken nie so allein war, wie ich dachte. Ich kannte Dich nur noch nicht. Aber ich bleibe ganz still und rühre mich wenig und der Geräuschemacher produziert weiter sein viel zu lautes Geklapper zu den Dingen, die getan werden müssen.

Ich sehe bewusst nicht aus dem Fenster. Überwältigt bleibe ich ganz ruhig nur für mich allein, um es im Schutz meines Lächelns zu bewahren.

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