Norwegen

Es besteht die Gefahr, dass ich mir ganz genau überlege, ob ich überhaupt nach Deutschland zurückkehren werde  …

Sie sind wie ich, bzw. ich bin wie sie. Sie sehen aus wie ich, bzw. ich sehe aus wie sie. Und Deutschland macht mich auf Dauer aggressiv. Also, warum bleibe ich nicht einfach hier?

Seit eineinhalb Wochen bin ich nun im Süden des Landes, ohne Strom und fließendes Wasser, mitten im Wald, in einem Naturschutzgebiet. Heute bin ich ausnahmsweise in eine der naheliegenden Städte gefahren, um mir einen externen Handy- Akku zuzulegen, anders geht es dann doch nicht. 

Letzte Woche hatten wir Sommer, seit vorgestern schneit es nachts. In der und um die Hütte herum bin ich den ganzen Tag damit beschäftigt, Wasser aus dem Teich zu schöpfen, oder abwechselnd den gusseisernen Ofen und den Kamin zu befeuern, um auf ersterem das Wasser zu erhitzen. Am Kamin sitze ich teilweise schon morgens und schreibe.

Ich habe Dachse und Kreuzottern und Bachstelzen und Hasen, Mücken und Frösche getroffen, – ein/ zwei Elche würden mich jetzt zusätzlich noch sehr freuen. 

Mit meinem Buch komme ich dann  sehr gut voran, wenn die Natur mich auf Betriebstemperatur kommen lässt, was manchmal nicht so einfach ist. 

Die Konfrontation mit sich selbst und den Themen, die ich bearbeite, sind eine große und manchmal verstörende Herausforderung. Zur Ablenkung lerne ich Norwegisch, laufe oder fahre durch die verwunschenen Wälder oder bin eingeladen bei meinen Vermietern, die nicht nur Vermieter für mich sind. 

Um zu ihnen zu kommen, laufe ich zwanzig Minuten durch den Wald, Felsen rauf, Felsen runter durch Sträucher und Sumpf. Dann der Parkplatz, dann das langzeitgemietete Auto, da meiner genau zwei Tage vor der lange geplanten Reise zusammengebrochen ist.

Bei Berit und Øystein traf ich auch Mette. Mette ist siebzig und wirkt wie dreißig. Mit ihrem Sprachstudium, genauer  ‚Angewandte Sprachwissenschaften‘, in Germersheim und deshalb ihrem perfekten Bildungs- Deutsch hatte ich endlich einmal wieder die Gelegenheit, ein paar schöne Genitiv- Konstruktionen zu benutzen, ohne komisch angesehen zu werden und mich verstaubt, gestelzt und antiquiert zu fühlen. 

Auch schön ist, dass die Menschen hier genauso viel lachen wie ich und ich nicht im geringsten Gefahr laufe, damit für einfältig gehalten zu werden, wie in meinem Land so oft.

Es fällt ihnen oft auch noch ein freundlicher Satz ein, wenn ich etwas bezahle beispielsweise, der tatsächlich von Interesse an meinem Aufenthalt hier zu zeugen scheint. Ich weiß dann gar nicht, wie mir geschieht. Das habe ich lange nicht mehr erlebt.

In den nächsten Tagen und Wochen sehe ich doch einfach  einmal nach, was hier der Arbeitsmarkt so zu bieten hat. Wer weiß …


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8 Gedanken zu “Norwegen

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