Brief an R.

Mein lieber R.,

da Du zu den treuen Lesern, wenn auch nicht zu den Abonennten, meiner Aufsätze gehörst, schreibe ich heute einmal öffentlich über die Gründe, die mich zu meinem erneuten Rückzug aus unseren Korrespondenzen und der Reihe gelegentlicher Treffen bewogen haben.

Die Gründe sind identisch zu denen, die ich vor ein paar Jahren schon einmal spürte und anführte, – unsere vielen Erinnerungen aus  H.  in Ehren. Von Deiner Beharrlichkeit ließ ich mich jedoch eines Tages wieder umstimmen. Man ist schließlich nicht immer konsistent in seinem Tun. Selbst ich, der sich ’schon aus Prinzip‘ auf seine Fahnen geschrieben hat.

Meine Argumente sind, wie ich finde, stark und von Bedeutung. Nicht nur für Menschen, die schreiben und ohnehin die selbst gewählte Isolation Zusammenkünften aller Art vorziehen. Sucht man im Netz die genaue Bedeutung eines Wortes und landet man beim Duden, dann sieht man schnell, dass einige Begriffe das Label ’stark‘ verliehen bekommen haben. Meistens handelt es sich dabei um Verben. Bei mir sind es heute meine Prinzipien, die stark sind und mich einmal mehr leiten. Was sonst sollte mich dirigieren, nach dieser komplexen und teils verworrenen Polyphonie meiner eigenen Geschichte? Ich brauche mehr denn je Klarheit und Struktur.

Nein, lieber R., mit den von mir so oft thematisierten Narzissten hast Du wirklich rein gar nichts zu tun. Nur zufällig fiel die Veröffentlichung des letzten Textes in die Zeit meines Entschlusses, mich zurück zu ziehen. Narzissten können, aus Mangel an Emotionen, nicht kreativ sein. Und Du bist es. Du bist auch empathisch, was einem Narzissten nicht möglich ist (er spielt es anderen nur vor, – er hat es sich durch das Studium empathischer Persönlichkeiten angeeignet), wenn auch auf Deine trockene, naturwissenschaftliche Art. Ich muss gestehen, ich könnte Dir stundenlang zuhören, wenn Du von Deinen Arbeiten in Chemie, Deiner Promotion (konsequent immer nur auf meine hartnäckige Anfrage) erzählst und allgemein über neueste Forschungsergebnisse berichtest, besonders auch aus der Medizin.

Zurück zu meinen Prinzipien, die leider keine Ausnahmeregelungen zulassen.

Meine Prinzipien haben viel mit hohen moralischen Grundsätzen zu tun. Du weißt, ich bin Mitglied dieses Vereins, dessen Mitglieder Menschen sind, die alle, und das ist bei jedem einzelnen von uns gutachterlich, also wissenschaftlich abgesichert, über ein bestimmtes Merkmal verfügen. Früher habe ich immer gedacht, wenn man Mathematik nicht versteht, dann kann man unmöglich zu dieser Gruppe gehören. Heute weiß ich mehr. Man kann doch. Es gibt nur eben verschiedene Ausprägungen dieses Merkmals, heißt verschiedene Abstraktions- respektive Extrembereiche. Aber was ich eigentlich sagen wollte: egal in welche Richtung diese Ausprägung läuft, – wir haben fast alle die höchsten moralischen Ansprüche an andere und selbsterklärend auch an uns selbst. Gut, es gibt Ausnahmen, aber die fallen einmal mehr in den narzisstischen, ausbeuterischen Bereich. – Bei der Gelegenheit fällt mir übrigens schon wieder Kant ein.

Eines meiner (wenn nicht sogar das wichtigste) Prinzipien ist, anderen nichts anzutun, was ich nicht selbst, mir gegenüber, billigen würde. In aller Deutlichkeit: ich kann nicht eine sehr gute Freundin, eine Vertraute vielleicht sogar, eines Mannes sein, der seit Jahrzehnten höchst zufrieden mit einem Menschen verheiratet ist, der ihn liebt und für den er alles bedeutet. Das kann ich nicht, lieber R., und das würde ich selbst, wäre ich betroffen, niemals akzeptieren. Aus genau diesem Grund ist damals meine eigene ‚Verbindung‘ gescheitert, setzen wir einmal voraus, ich wurde ausschließlich über die Wahrheit in Kenntnis gesetzt …

Nein, es ist nicht fair. Das macht man nicht. Selbst wenn es eine gewisse Parität gäbe, Du weißt, was ich meine, – selbst dann kann ein Mann, kann eine Frau sich nicht so verhalten. Das geht schlicht zu weit.

Ein bisschen komme ich mir gerade vor, wie sowohl eine Sprach-, als auch Moralkonserve aus dem späten 19. Jahrhundert. Haben wir nicht alle Geheimnisse voreinander, könnte man anführen? Leben nicht Beziehungen sogar von einigen mysteriösen Kräften, die unausgesprochen unter dem Sichtbaren wabern und uns helfen, unsere Identität zu bewahren, könnte man sich fragen? Das geht erheblich in den Bereich der Psychologie und ebenfalls in Richtung Philosophie.

Gut, nehmen wir an, letzteres verhielte sich genau so, also wir alle brauchten verdeckte Einflüsse zur Inspiration, dann bitte, möge jeder Einzelne das für sich entscheiden.

Ich selbst brauche es nicht. Jedenfalls nicht auf diese Art. Ich habe das große Glück, jegliche Inspiration der Literatur und den Biographien Literaturschaffender entnehmen zu können. Ebenfalls aus dem gesellschaftlichen und politischen Geschehen, dringt es erst zu mir durch. Vielleicht bin ich selbst sogar ‚minder sozial‘. Wirklich! Ich gehe nicht gern unter Menschen. Dass es etwas mit schlechter Erfahrung zu tun hat, überlegst Du vielleicht jetzt (ich kann es förmlich hören), nein – das glaube ich nicht. Zumal ich eine ganz wunderbare Freundin hier in Frankfurt habe, Magda aus Budapest, die ich am Vortag der Buchmesse endlich einmal wieder hier in einem Frankfurter Café treffen und sprechen werde, dann Tania aus der Toscana und, Du kennst die Geschichten, meine seelische und geistige Entsprechung bei meinen Freunden in Norwegen finde. Im Zusammensein mit diesen Menschen sind sämtliche Erklärungen vollkommen überflüssig. Sie spiegeln mich zu einhundert Prozent und ich sie. Auch pflegen wir die gleichen hohen moralischen Werte.

Und ständen wir, Du und ich, uns tatsächlich in Parität gegenüber, also hätte ich seit Jahrzehnten diesen einen Menschen an meiner Seite, dem ich über alles vertraute und er mir, dann, mein lieber R., ständen oder säßen wir uns nicht allein gegenüber, sondern er wäre an meiner Seite. So denke ich. So bin ich eingestellt.

Zum Schluss lass mich kurz einen anderen Grund erwähnen, der mich mich immer wieder zurecht rütteln lässt, als vergäße ich ihn ständig und als müsse er an meine Vernunft appellieren, dieses eine große Ziel vor Augen zu haben und absolut keine Zeit im Überfluss. Leider.

Ich bin am besten, wenn ich keine Informationen von außen bekomme. Die Informationen, die ich für mein Schreiben benötige, recherchiere ich gezielt und konsequent nur die. Ich bin dann verkapselt und in diesem Zustand zutiefst glücklich. Nichts kommt an diese Sphären heran, nichts aus der jüngeren Vergangenheit. Diese vielen unangefragten, auf mich einströmenden Vorgänge, von denen ich Dir erzählt hatte, empfinde ich als dermaßen unangenehm und störend, ich kann es kaum ausdrücken. Vor allen Dingen diejenigen Bescheide, die auch nur im entferntesten etwas mit ‚Geld‘ zu tun haben, ich, als ausgewiesener Antimaterialist.

Was glaubst Du? Wie realistisch ist das ungestörte Schreiben in meinem Fall; meine Company fordert mich meistens nachts, Friedrich an der Fernakademie, Friedrich in enger Verbundenheit mit seiner E., was ausschließlich bei uns seine Realisierung erfährt, mein Haushalt, uninteressante, aber penetrante Papierberge etc. ? Na? Ist es nicht äußerst verständlich, dass ich, will ich ernsthaft mein falsches System verlassen, dazu jeden stillen Moment vehement verteidige? Ich muss alle Kraft zusammennehmen.

Ich will nicht larmoyant klingen. Nichts liegt mir ferner. Und was ich noch weniger will, sind regelmäßige Erinnerungen an früher. Das ist der unbewusste, aber vielleicht deshalb sogar existentiell ausschlaggebende Grund meines Verhaltens und meiner neuen, nachhaltigen Radikalität.

Mein lieber R., ich gebe gern das Kompliment zurück. Auch Du hast mich mit Deinen Naturbildern so oft inspiriert und mit Deinem Sachverstand und Deinen Perspektiven. Vielleicht wäre ich sogar ohne Dich gar nicht auf Norwegen gekommen? Nicht auszudenken.

Ich bin übrigens dabei, die Idee mit der Pseudonymisierung zu kippen. Was das heißt, muss ich Dir nicht erklären.

Pass bitte weiterhin gut auf Dich und Deine geliebten Menschen auf. Du bist ein wahrer und seltener Glückspilz. Hättest Du Erfahrungen gemacht, die meinen ähnlich wären, Du würdest Dein perfektes Leben jeden Tag anbeten, vor Dankbarkeit und Demut. Ich erlaube mir diese leicht pathetische Bemerkung genauso abschließend, wie mahnend …

Deine C.

2 Kommentare zu „Brief an R.

    1. Vielen Dank, liebe Magda, ich freue mich sehr, dass dieser Brief Dir gefällt. Er kam wirklich aus einem sehr tiefen Raum in mir und wollte raus. Das mit den Sprachen wäre natürlich super, – aber ich fürchte, dass es evt. bis jetzt nur in noch einer anderen klappen könnte … Wir sehen uns am Dienstag und ich bin sehr froh darüber : ).

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