Kleinste Kreise

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Johannesburg, 1. Oktober 2018

… und dann geht nur äußerst selten ein Bild hinein

‚Hei Lise, ser fram til å snakke med deg snart, beste hilsen‘, schreibt sie und schickt die Mail sofort los. Einiges an Korrespondenz hatte sich angestaut.

Es ist sieben nach elf und sie sitzt im weißen Bademantel am Schreibtisch, sich darüber im Klaren, dass es fast blasphemisch ist, nicht mit den anderen auf Safari zu gehen. Aber inzwischen ist sie ganz und lieber bei sich. Selbst an diesem besonderen Ort. Die Zeit, die sie für sich allein hat, kann unter gewissen Umständen Ideen hervorbringen, die sich im Geschnatter oberflächlicher Zusammenkünfte mit anderen gar nicht erst auch nur ansatzweise entwickelten. Gespräche mit sich selbst, Reflexionen über das Gewaltige alles bisher Erlebten, kurze Aufzeichnungen, kleine Theoriekonstrukte, angedachte Theaterstücke, zarte Visionen oder kühne Pläne, – dafür braucht sie Raum. Das Hyatt stellt ihn ihr bereitwillig zur Verfügung.

Es gibt nur einen einzigen seltenen Grund, dieser Überzeugung eine Art Antithese entgegen zu setzen. Aber genau der fällt in die Kategorie der vorsichtigen, zarten Visionen.

‚Wissen Sie, es müsste in meinem ‚Fall‘ schon sehr vieles zusammenpassen, und dann gibt es vielleicht eine ganz kleine, winzig kleine Chance …‘ , hieß es in einem Brief an das exklusive Institut, das sie mit der Suche nach eben einer solchen Antithese ein paar Monate zuvor beauftragt hatte. Ein allerletzter Versuch. Die Besitzerin des besagten Institutes reagierte ziemlich gereizt auf diese Formulierung und antwortete etwas patzig, dass sie öfter als nur ‚gelegentlich‘ Erfolg mit ihren Vorschlägen hätte. Wirklich?

Wie so oft fühlte sie sich nicht komplett verstanden, hatte sich aber schon so sehr an das standardmäßige Unverständnis von außen gewöhnt, dass sie sich, etwas ermüdet, jeden weiteren Erklärungsversuch sparte. Tausend Stäbe.

Und scheiterte dieser letzte Versuch, hätte sie sogar eine Art hämische Gewissheit darüber, dass es eben wirklich niemanden gibt, der mit ihren teils widersprüchlichen Eigenschaften in Resonanz gehen könnte. Dann würde sie sich nur bestätigt fühlen und könnte sich dem Absoluten hingeben, sich abzuschotten und ausschließlich zu schreiben. Ein Paradox. Und wenn sie der einzige Mensch auf der Welt wäre, fast trotzig, der niemanden brauchte. Sie schiebt ihren Stuhl nach hinten, lehnt sich zurück und atmet tief und entspannend durch.

‚Als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt‘. Man muss kein Panther in einem Pariser Zoo sein, um sich im ‚allerkleinsten Kreis‘ zu drehen.

Auf ihrem ursprünglich adrett zurecht gemachten Frühstückstablett hatte sich eine Verwüstung an Croissantfragmenten, klebriger Erdbeermarmelade und Butter entwickelt. Der restliche Kaffee in der hübschen Schnabelkanne war inzwischen kalt geworden. Sie steht auf und stellt das Tablett links auf den kleinen Beistelltisch, der zusammen mit einem riesigen, ethnogemusterten Ohrensessel vor dem Fenster ein Ensemble bildet und vor den noch geschlossenen Vorhängen einen geschmackvollen Kontrast darstellt. Auf dem Gang kommt es regelmäßig zu dumpfen Schlägen zufallender Zimmertüren. Heiteres Geschäftige rund um den täglichen Betrieb eines Fünf-Sterne Hotels lässt eine hohe Auslastung erahnen. Aber sie ist froh niemanden sehen zu müssen und lässt sich ein heißes Bad ein.

Die Landung auf einem Hochplateau, ebenso übrigens auf dem von Addis oder auch Mexico City, birgt für sie immer die Gefahr einer Migräne. Sie weiß das und stellt sich dann jedes Mal tot, bis die ersten Anzeichen verschwunden sind. So auch am Tag zuvor. Die Bettdecke bis an die Ohren gezogen, das Zimmer abgedunkelt und auch ansonsten bitte keine Reize. Und mitten in dieses Totstell-Prozedere platzte der erfrischende Text eines Mannes, der nicht zuletzt, oder vielleicht gerade wegen ihnen, mit seinen Sätzen nun auf dem besten Weg ist, ihr Interesse auf denkbar unterhaltsamste Art zu provozieren.

Das Ärgerliche ist nur, Frau R. hatte ihn vorgeschlagen. Sie muss lachen. Sollte das jetzt etwa ein Zugeständnis bedeuten? Nach einer Reihe skurriler Anti-Vorschläge, die nicht im geringsten das verkörperten, was sie sich bei Vertragsunterzeichnung in einem dieser Frankfurter eleganten Hochhaus-Komplexe gewünscht und erhofft hatte, sehnte sie sich nun regelrecht den Ablauf der vereinbarten Zeitperiode herbei. Das alles schien ihr absurd und nicht adäquat. Es hatte sie eher abwechselnd gestresst oder gelangweilt. Ein Fehlversuch eben, aber immerhin ein Versuch. Man will sich ja nicht vorwerfen lassen, nicht wirklich alle Hebel in Bewegung gesetzt zu haben.

Und jetzt das. Der Laserpunkt ins Zentrum ihres Innersten, – ein textgewordener Trigger der Schaltstelle ihrer Lebensenergie. Zugegeben, ein sehr gelungener Auslöser, der einzig vorstellbare, wirksame, um sie auf Frequenz zu bringen. Als die Mail sie erreichte und die ersten Zeilen ihre Aufmerksamkeit weckten, schob sie die tadellos gemangelte, blütenweiße Bettdecke zur Seite, nahm ihre grauen Ohrenstöpsel heraus und setzte sich aufrecht, alle vier XXL-Kissen hinter sich ungeduldig in den Rücken gequetscht. Das gibt‘s doch gar nicht, dachte sie vor sich hin lächelnd und las weiter.

Das Fenster ist geöffnet, eine Alternative zur Air-Condition, die absolut ernsthaft in Erwägung zu ziehen ist in unserem von uns selbst so oft entfernten, modernen Leben. Merkwürdige Geräusche angestoßener und deshalb schallender Stahlrohre lassen sie aufhorchen. Sie reißt die dunkelbraunen Vorhänge auf und steht direkt vor einem Südafrikaner in kobaltblauem Einteiler, fest eingehängt und eingezurrt in orange-beiges Bergsteigergeschirr inklusive Helms. Der Fensterputzer. Sie ist immernoch im Bademantel. Er ist sichtlich erschrocken. Mittlerweile ist es zwölf Uhr neunzehn. Er schaut sie irritiert an und bekommt von ihr erst einmal ein Glas stilles Louisenquelle aus Deutschland angeboten, was er dankend annimmt, sie erst mit dem Weiß seiner Augäpfel anstrahlt und es dann hastig in einem Zug herunterkippt.

Man könne doch zusammen ins Literaturhaus gehen, hatte der Verfasser des inspirierenden Textes während ihres ersten Telefonates, ein paar Tage zuvor, angeregt. Gern, dachte sie, auch wenn ihr der Kunstbetrieb zuweilen zuwider ist. Zu absolut, der bisweilen akademisch arrogante Anspruch auf Deutungshoheit. Kant äußerte sich seinerzeit genial zum Thema ‚Von der Kunst überhaupt‘ (Kritik der Urteilskraft, 1790), darüber, was ein Schriftsteller oder Künstler an sich überhaupt beabsichtigt und woher er ‚das’ nimmt. Unerreicht sein Gedankenkonstrukt dazu.

Ihr letztes Erlebnis im Literaturhaus war nicht zuletzt deshalb ein kleines Desaster. Sie war allein dort hingegangen. Das Ganze liegt ungefähr drei Jahre zurück. Nein, es war nicht etwa ein Geltungsbedürfnis, das sie dazu gebracht hatte, sich am Ende der Veranstaltung heftig mit einem der flapsigen Literaturkritiker anzulegen. Schuld war eher das eine Glas Grauburgunder. Er hatte frech und überheblich behauptet, Murakami könne nicht schreiben. Sie dagegen, unzählige Male in Japan gewesen, brachte die Frage nach kongruenter Übersetzung ins Spiel und die eklatante und mit nichts zu vergleichende Andersartigkeit der japanischen Kultur. Ja, natürlich kann man sich seitenweise über die Textur, Muster und Farbe japanischen Bastes auslassen, ein Schriftsteller darf das. Was bildet sich ein dahergelaufener deutscher Literaturkritiker eigentlich ein, der möglicherweise noch nie einen Fuß auf japanischen Boden gesetzt hatte. Hat Kunstbewertung nicht schon so viel Blödsinn und Hochstilisiertes hervorgebracht. Absurde Auslegungen in stundenlangen, ermüdenden Vorträgen, nach und vor eitler Zusammentreffen und klingender Champagnergläser.

Es fällt ihr ein, dass sie diese Erwägungen nun vielleicht nicht mehr länger mit sich selbst diskutieren muss. Der Hauch von Hoffnung besteht, dass sich eine wohltuende Synthese entwickeln könnte.

Ihr Badewasser ist sicher inzwischen genauso kalt wie der Kaffee, vierzehn Uhr neun. Sie steht vom Schreibtisch auf und geht Richtung Badezimmer …

(Foto: pixabay)

3 Kommentare zu „Kleinste Kreise

  1. 🙋 habe obigen Text gelesen und finde ihn, wie alle ihre Texte sehr gut ^^!&MFG. ‚Hotscha24. WordPress.com. ! 🎸 Naja by the way 🙂 hier oben ist es zu einem späteren Sommer oder auch ‚goldenen Oktober ‚ gekommen. Sollte ein guter Jahrgang werden. 😓^^ LG @all!

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      1. Danke für Ihre Antwort. Kann Ihre ‚Sehnsucht‘ sehr gut nachvollziehen! Hier oben ist ‚Indian Summer‘ angesagt!(siehe mein pic. auf Neuestem Beitrag). UND es wird wohl ein ’sehr GUTER Jahrgang‘ 2018 werden:)’Grebiner Mühle, Südhang‘> wenn Sie einen Guten Tropfen zu schätzen wissen, wovon ich eigentlich ausgehe. Ihnen weiterhin 1ne Schöne Zeit ebenfalls! Und LG@all your’s!!

        Gefällt 2 Personen

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