Energieraub …

oder

Als ich wieder in die Beliebigkeitsfalle lief

 

Wann lerne ich es ? Wann höre ich mit dem Irrsinn auf zu glauben, es ginge in Zwischenmenschlichem um mich? Um mich als individuelle Persönlichkeit, weil ich vielleicht etwas zu sagen habe oder ungewöhnliche Ideen gern mit anderen teile und der andere gern mal  der andere  sein möchte? Oder weil ich auch einfach nur ich bin und man eventuell meine Anwesenheit schätzt? Menschen zu treffen, die sich komplett ohne den geringsten Hauch einer eigenen Egobefriedigung einfach nur freuen, einen zu sehen und zu sprechen, –  ja, das würde ich gern einmal wieder erleben. Irgendetwas mache ich da falsch.

Es ist manchmal nicht einfach, wenn man immer der Gebende ist. Als Hauptentscheider zu Hause, als Hauptverantwortungstragender, als Hauptverdiener und als ‚Hauptinvestor‘, als Vorgesetzter und Identifikationsfigur in einem grossen Unternehmen, als Kreativer und als starkes, alleiniges Vorbild für sein Kind. Alles zusammen ist das das genaue Gegenteil von Konsum.

Gern würde ich auch einmal wieder konsumieren. Ja, – ich sage es hier in aller Klarheit. Ich würde gern einmal wieder erleben, dass jemand vollkommen selbst – und bedingungslos für mich etwas tut. Einfach so. Ohne dabei an sich zu denken. Gibt es soetwas noch?

Jedenfalls ist es wieder passiert. Ich lernte ihn kennen, als ich mich für eine Antiquität interessierte. Vielleicht war es auch die Tatsache, dass er zweifelsfrei um einiges älter war als ich, ein bisschen kauzig sogar, die mich ihm gegenüber zutraulich sein ließ. Und da ich mich eher bescheiden gebe was mein Äußeres betrifft, nehme ich Ähnliches auch immer von meinem Gegenüber an. Ich selbst bin, was meine Wirkung auf andere angeht, jedenfalls nicht größenwahnsinnig. Niemand sollte das sein.

Wir unterhielten uns und ich war von seinem Wissen und seinem Humor sehr angetan. Es machte Spass ihm zuzuhören und in seine lebendigen  Augen zu sehen. Jeder noch so simple Satz über Praktisches oder Organisatorisches animierte ihn in der Folge zu einer abstrakten Betrachtung und geriet zu einer eher philosophischen Diskussion. Zugegeben, soetwas gefällt mir sehr und lässt mich nicht kalt. So freute ich mich auf die mögliche Gelegenheit eines weiteren Gespräches dieser Art.

Mein ausgesuchtes Stück konnte ich erst ein paar Tage später abholen. Und bis dahin hatte ich viel zu tun. Eine Dienstreise nach Südamerika lag zwischen der Anzahlung und meinem erneuten Aufkreuzen in der Antiquitätenhandlung.

Am Tag nach meiner Rückreise machte ich mich dann auf den Weg und freute mich auf das Aufeinandertreffen mit diesem nicht alltäglichen Gesprächspartner und ein paar inspirative Gedanken. Nochmal zugegeben, ich hatte vor, brillante Gedanken zu konsumieren. Ich, – konsumieren ! Mal ! Ich bekenne mich schuldig ! Ähnliche Motive wähnte ich übrigens auch bei Monsieur, wenn er sicher auch von mir nicht ganz so Geschliffenes erwartet hat. Wie hoffnungslos naiv ich doch bin.

Ich mache es kurz.

Ich folgte ihm in eine Art Lagerraum und fand mich dort plötzlich umarmt. Noch Schlimmeres konnte ich abwenden.

So ziemlich genau 36 Stunden hat es gedauert bis ich es geschafft hatte, mein Energiereservoir wieder aufzufüllen. Ein Spaziergang im Schnee und ein paar Stücke von Avdeeva haben dabei geholfen.

Chopin Competition 2010 – Yulianna Avdeeva – Ballade no4 in f minor

Performed in the 3rd Round of the Chopin Competition 2010

Chopin Competition 2010 – Yulianna Avdeeva – Sonata no2 in b flat minor – 1st movement

Brief an Kristian

Eine Caprice

 

Lieber Kristian,

entschuldigen Sie bitte meine kleine Distanzlosigkeit und die Emotion in meinem Brief,

aber ich würde Ihnen am liebsten kurz um den Hals fallen, wenn ich könnte …

Der Aufenthalt in Hallingdal hat nachhaltig meines und das Leben meines Sohnes verändert. Wir sind wie befreit !

Dank Ihnen !

Die Begegnung mit den Skodsbergs war einzigartig. Sie hatten vollkommen Recht. Mit dem Durchschnitt hatte das alles überhaupt und rein gar nichts zu tun.

Übrigens: im nächsten Jahr werde ich sogar für einige Monate nach Hovet reisen um dort zu schreiben. Ich gehe in die Hütte. Sie kennen sie doch vom Forellenfischen, nicht wahr? Ist das eine Perspektive ; ) ?

Und ja, es stimmt wohl was Ando über Sie sagte. Dass Sie sehr besonders sind und dass man Menschen wie Sie nur äußerst selten treffen darf … Quality -people nannte er es.

Aber ich will nicht über die Maßen Ihre Zeit in Anspruch nehmen und lasse Sie  jetzt in Ruhe in Ihrem schönen Oslo.

Sowieso bin ich in zwischenmenschlichen Dingen eher unbeholfen und das, was für andere selbstverständlich ist, fühlt sich für mich fremd an. Verstehen Sie das ein bisschen, Kristian?

Passen Sie gut auf sich auf,

Claire

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Åremark

Ungeahnt

  • Kein Internet
  • Gefrorene Seen
  • kalt
  • kahle Bäume
  • früh dunkel
  • kaum Menschen
  • immernoch kalt aber kein Vergleich zu Vedalen, letzte Woche in den Bergen
  • Schnee
  • Regen
  • Sonne
  • wieder Schnee
  • Lebensmittel, die so schmecken, wie sie aussehen und besser
  • lachende Kinder
  • ein eigenes lachendes Kind
  • ein ausgeglichenes Kind
  • ein im Jetzt lebendes Kind
  • ich bin im Regen im Wald und es ist schön, – warum nur?
  • warum nur mache ich das zu Hause nicht?
  • im Februar macht sonst niemand Urlaub in Norwegen
  • die Sonne ist schon warm und der See ist laut wenn er taut, sehr laut
  • die Sonne ist warm und eine Seele ist sehr leise wenn sie taut, sehr still
  • wir sind Gäste um 5
  • Jugenstil hängt über dem schweren Tisch
  • Walcarpaccio
  • Elchfilet
  • selbstgebrannter Kirschlikeur zum Kaffee und Wikingergeschichten
  • es wird mir vertraut
  • das Kaminfeuer flackert und es knistert im schwarzen Herrenhaus
  • Feinsinn
  • Meissener Porzellan zum Schokoladendessert, das englische Blau-Weisse
  • in Tromsø, heißt es, wird es im Sommer nie dunkel, alle bleiben dort wach
  • wie es wohl in Sibirien ist?
  • der Abend wird heiter und lang und klingt lange nach, wieder am Feuer
  • Frühstück erst um 11
  • bei Sonne sind Luft und Stille kalt und klar und eisblau
  • die Eiszapfen können den reissenden Fluss nicht halten
  • Flechten auf dem Waldboden und an den Ästen überall
  • Felsen sind auch überall, runde, steile oder flache
  • Strassen wurden in die Felsen gesprengt
  • Purpurne Wälder
  • Millionen Tannen säumen die Sichten
  • die Sonne steht lange tief
  • Schlafen klappt lange gut und tief
  • immernoch kein Internet
  • Gespräche, intensiv wie schon lange nicht mehr
  • nachts am Himmel das große Bällebad
  • direkt neben dem kleinen Wagen
  • Funkenflug und warme Hände, wenn man sich traut
  • dann der Gedanke vom ‚kein Zurück in die laute Welt, bitte‘
  • ja, – ich weiß, es geht nicht …

    Sviatoslav Richter plays Grieg Lyric Pieces – Op.65 No.6 ‚Wedding day at Troldhaugen‘

Sehr geehrter Herr Olsson

Sehr geehrter Herr Olsson,

Edmund und ich haben uns in intensiven Gesprächen mit der Frage auseinandergesetzt, ob er seine Therapie fortsetzen, respektive eine neue Art der Therapie beginnen sollte. Wir sind aus mehreren Gründen zu dem Entschluss gekommen, dass Edmund an dieser Stelle nicht weitermachen wird.

Beide bedanken wir uns für Ihr Verständnis und Ihre grosse Kompetenz, Edmunds Hochsensibilitäts- und Hochbegabungs- Besonderheiten betreffend. Ich hatte nach all den vielen schlechten Erfahrungen nicht zu hoffen gewagt, dass wir so ein Glück haben würden.

Da ich ja in beiden Fällen (Hochsensibilität und Hochbegabung) selbst betroffen bin, weiss ich genau, wie Edmund sich fühlt. Der einzige Unterschied zwischen ihm und mir ist eine 50 Jahre dauernde, zum Teil äusserst schmerzhafte Anpassungsleistung meinerseits. Er wird seine eigene Technik entwickeln, mit seinem jeweils speziellen Umfeld zurecht zu kommen. Ein Leben wie ich es bis jetzt führen musste wünsche ich ihm nicht. Es grenzte in hohem Maß an Selbstverleugnung.

Eine Störung bei ihm zu diagnostizieren, halte ich für falsch.

Da er zunehmend über sich selbst reflektiert und sich dabei nicht schont, habe ich große Zuversicht, dass er erfolgreich seinen Weg gehen wird.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen alles Gute,

Claire   M. d. V.

Paris am 5. Januar 2016

 

 

 

 

 

Ob sie wissen, was sie anrichten

Direkt vor unserem Balkon befindet sich ein Spielplatz. Es ist der einzige Spielplatz in unserer gepflegten Wohnanlage und da es sich um eher gehobene Wohnumstände handelt, ist bei den Eltern der spielenden Kinder dort von einem gewissen Bildungsniveau auszugehen. Anscheinend schützt sie das aber auch nicht vor fehlender Selbstreflexion.

Der Blick einer Mutter/ eines Vaters ist vielleicht die einzige Referenz besonders der noch sehr Kleinen. Wenn sie Glück haben, sieht ihre Mutter/ ihr Vater sie dann und wann an. Aber auch nur wenn sie Glück haben. Wenn ihre Mutter/ ihr Vater zu den bewusst erziehenden Eltern  gehören. Was sich allerdings meistens abspielt sind andere Szenen. Eltern, die wie gebannt auf ihre Telefone sehen. Insgeheim hoffe ich dann immer, dass sie es zu Hause bestimmt nicht tun. Dass sie sich in ihren eigenen vier Wänden Zeit für ihre Kinder nehmen, mit ihnen sprechen, ihnen etwas vorlesen oder mit ihnen lachen. Was auch immer. Aber dass sie auf jeden Fall wissen, welche Prioritäten sie zu setzen haben.

Eltern, die sich nicht für ihre Kinder interessieren, handeln fahrlässig. Das klingt nach einer Plattitude. Ich weiss. Aber ich fürchte, diese Haltung nimmt rasant zu. Ja, es ist anstrengend, sich auf die Kinder einzulassen und es kostet Energie. Sicher, der Alltag ist nervenaufreibend genug, aber man sollte lieber alles andere stehen und liegen lassen, als seinem Kind die Aufmerksamkeit zu entziehen. Man braucht nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, welche Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen erzeugt werden, wenn er in seiner Besonderheit nicht gesehen, nicht erkannt wird.

Übertreibe ich es? Ich glaube nicht. Das ist eindeutig Suchtverhalten. Alle fünf Minuten seine mails zu checken und zwischendurch nachzusehen wer wann was gepostet hat i s t Suchtverhalten. Und während dieser Zeit ist ein Kind auf sich gestellt. Nein, eine email checkende Mutter (ein  Vater) begleitet die Spielaktionen ihres Kindes nicht mit entsprechendem Vokabular, das gelernt werden könnte. Sie oder er geben überhaupt gar keine Rückkopplung, keine Aufmunterung und keine Anregung.

Ob diese Problematik in Kindergärten dann einmal thematisiert wird, bleibt nur zu hoffen.

Nicht gut.

Heute sehr kritisch,

Claire

 

 

 

 

 

ich bin raus

2. Januar 2016, 10:27h. Ich habe es getan. Und es fühlt sich an, als wäre ich nach grossem Sturm und Wolkenbruch zurück ins Warme gekehrt, nach Hause an den Kamin. Mit heissem Tee. Ich werde nun nicht mehr zur Verfügung stehen.

Meinen facebook account habe ich gelöscht. Und den von stay’friends‘ gleich mit. Und weil es so schön war habe ich noch die vielen unfreiwilligen Adressen- und Telefoneinträge im Netz rausnehmen lassen, ebenso wie meine leichtfertigen Einwilligungen zu sinnlosen newslettern, updates und so weiter. Werbeeinnahmen mit mir, der ‚freundin‘ aller ‚freunde‘ und zahlloser marketing Strategien, wird es von nun an nicht mehr geben.

Abgesehen von der inakzeptablen Neudefinition des Freunde-Begriffes kann doch so ein Menschengehirn diese massenhaften unangefragten Informationen über das Leben unzähliger anderer gar nicht verkraften. Andersherum hat es schon seine Begründung, dass wir im Grunde diskrete Wesen sind. Dass wir uns zurückziehen können in unsere Häuser und Wohnungen um uns zu sammeln. Diejenigen, die sich rundherum für Glasfronten entschieden haben, können sich unmöglich geborgen fühlen. So funktioniert ’sich sammeln‘ nicht. Und social media ist so eine Glasfront. Es sei denn, man stilisiert sich selbst hoch zu jemandem, der man nicht ist und verbreitet gezielt Unwahrheiten. In diesem Fall fühle ich natürlich tiefes Bedauern.

Interessant ist, dass ich mich schlagartig besser konzentrieren kann. Nur aufgrund ein paar ‚klicks‘, ein paar kleiner Korrekturen in den Einstellungen. Keine Ablenkung mehr. Zielgerichtetes Arbeiten. Kreativität durch Abgrenzung. Allein sein mit sich in der Stille. Zufriedenheit. Und die Gelassenheit, die die Betrachtung des Gesamtbildes bietet, ermöglicht eine umfassende Wahrnehmung des Lebens.

Ich kann es nur empfehlen.

Die eigenen Inhalte sind spannend genug und sie reichen für ein ganzes, langes Leben.

Ausgeglichene Grüße an diesem Regensonntag, im Schutz der Anonymität,

Ihre Claire

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Hawelka

Nach 27 Jahren war ich heute das erste Mal wieder im Hawelka. Und zwar abends. Abends gehen dort ja immer die frisch gebackenen Buchteln herum und schwängern die Luft. Ich kann kaum beschreiben, wie wohlig warm ich mich gefühlt habe. Nichts, aber auch rein gar nichts hatte sich verändert. Schon wie sich innerhalb der 45 Jahre vor meinem ersten Besuch nichts verändert hatte. Die dunkelstbraunen Vertäfelungen, die kleinen Nischen für die Marmortische sowie die rotgold gestreift und abgesessenen Sofas machen es einem schwer, sich wieder in die ungeschützten kalten und total überlaufenen Strassen Wiens zu trauen. Sogar die anderen Gäste sind einem automatisch sympathisch. Schließlich kommen sie alle aus dem gleichen Grund. Kein grantelnder Kellner lässt einen seine Verachtung spüren. Und wenn ich fünf Stunden dort hätte sitzen wollen, dann hätte ich es gedurft. Wenn ich könnte, käme ich jede Woche nach Wien. Schon allein wegen des Hawelkas. Vollkommen unbeeinflusst nimmt er auch jeden dieser gefühlten 2 Millionen Touristen einfach einmal kurz auf, zeigt ihm, was Zeitlosigkeit ist und entlässt ihn dann wieder. Die Wiener, die bei ihm Zeitung lesen, nehmen es stoisch hin.

 

 

 

Manchmal fühlt man großes Unbehagen, …

… also mir geht es jedenfalls so, wenn etwas Aggressives in der Luft liegt. So ging es mir gestern. Mitten auf der Strasse, bzw. auf dem Weg zum Copy-Shop, den ich zur Zeit gezwungenermaßen regelmäßig frequentiere. Ein Mann in einem SUV, in der Seitenstrasse hinter mir, hupte wie verrückt. Aus Richtung Copy-Shop kam mir eine mit Papieren beladene Frau entgegen gelaufen. Ganz offensichtlich hatte sie Stress. Es brauchte nicht lange, bis ich das entsetzliche Gehupe hinter mir und den verängstigten Blick dieser Frau zusammen brachte. Nachdem sie gehetzt die Papiere auf den SUV – Rücksitz gelegt hatte stieg sie vorn bei ihm ein. Ich war stehen geblieben, um die Situation zu beobachten.

Wie erwartet schrie er sie an. Hören konnte ich ja nichts, aber was ich sah reichte schon.

Ich möchte gar nicht wissen, wie er ‚zu Hause‘ mit ihr umgeht. Sie sah schrecklich unglücklich aus. Alles an ihr war grau-beige. Ihr faltiges Gesicht, ihre Augen, ihre Haare und ihre Kleidung. Sie zitterte. Wahrscheinlich hat sie sonst nie Zeugen und wenn sie überhaupt auf die Idee käme, sich jemandem anzuvertrauen, würde man ihr nicht glauben. Das weiss sie. Der Herr Doktor, ein Narzisst? Nein, das kann nicht sein, – der ist doch immer so freundlich und zuvorkommend. Und als Chefarzt hat er doch ständig mit Menschen zu tun. Es kann gar nicht sein, dass er sich nicht unter Kontrolle hat … Schließlich trägt er große berufliche Verantwortung. Und er ist ja auch so intelligent. Wahrscheinlich fühlt sie sich nur klein neben ihm. Was war sie nochmal gleich? Ach ja, – Krankenschwester auf der Inneren. Damals, als sie sich kennen lernten. Sie hat ja dann aufgehört, als die Kinder kamen.

Und jetzt, nach vielen Jahrzehnten mit ihm, fragt sie sich oft, wer sie eigentlich ist. Was aus ihr geworden ist. Wenn sie an dem großen Fenster zum Garten steht, gesteht sie sich ein, dass von dem, was sie einmal ausgemacht hatte, nicht mehr viel übrig geblieben ist. Er hat sie ausgehöhlt. Es war ein langer, langsamer Prozess. Mit jeder noch so kleinen Erniedrigung, die er ganz nebenbei hatte fallen lassen, ein kleines Stück mehr. Die Genzüberschreitungen wurden immer schlimmer. Und er selbst ist daran gewachsen. So hat es sich zumindest für ihn angefühlt. Er hat sie ausgeraubt. Sich ihrer Lebensfreude bemächtigt. Selbst konnte er diese Freude nie entwickeln. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Fassade nach aussen aufrecht zu erhalten. Das hat ihn enorm angestrengt. Kompensiert hat er dieses Defizit mit seinen exzellenten Leistungen. Niemand hatte gemerkt, dass er im Inneren vollkommen emotionslos ist. Die gängigen Gefühle, die man im Leben so zeigen sollte, hat er gespielt. Zugegeben, nahezu perfekt. Besonders dann, wenn er sie öffentlichkeitswirksam einsetzen konnte, wie z.B. auf Beerdigungen.

Wenn sie je vorhätte, ihn zu verlassen, dann hätte das ziemlich grausame Konsequenzen, flüsterte er ihr immer wieder einmal zu. Er habe ’seine Leute, die das regeln. Auf ihre Art‘. Ausserdem besäße sie ja nichts, denn lt. Ehevertrag gehöre alles ihm. Schließlich habe er natürlich vorgesorgt, für den Fall der Fälle. Also, was sollte sie tun? Die Angst vor ihm und seinem respektlosen, brutalen Verhalten schnürt ihr den Hals zu. Sie kann manchmal nicht mehr. Es ist hoffnungslos.

So oder ähnlich erleben es viele Frauen oder aber auch Männer, meistens hinter verschlossener Tür. Sie trauen sich nicht, zu gehen. Die Ängste sind vielfältig, meistens hat es mit ihrer Vorstellung von einer vermeintlichen Gefährdung ihrer Existenz und dem Verlust ihres gesellschaftlichen Status zu tun, – oft werden sie aber auch massiv bedroht und/oder erpresst. Sie brauchen Hilfe. Aus einer solchen Situation herauzukommen, – das kann man fast nicht allein schaffen.

Nun habe ich meinen Blog mit einem sehr ernsten Thema begonnen. Es war mir und nicht nur mir wichtig!

Bis zum nächsten Mal,

Ihre Britta Heusinger von Waldegg