Impfung ja/nein

Vielleicht eine Entscheidungshilfe für Unentschlossene – Biontech-Impfstoff basiert auf 30 Jahren Forschung

Mainzer Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin

(Foto: SWR Aktuell)

Meinung

Am 10. Dezember 2021 überarbeitet

Mainz ist tatsächlich eine erfrischend positive Stadt voller gut gelaunter Studenten, die zu allen Tageszeiten auf der riesigen Theodor-Heuss-Brücke über den Rhein nach Kastel und zurück Richtung Landtag rennen, egal wie das Wetter ist. Sie lächeln, freuen und unterhalten sich. Ansteckend wirkt das.

Es wundert mich nicht, dass an diesem energiegeladenen Standort das Ehepaar Türeci und Sahin so erfolgreich werden konnte. Mainz pulsiert. Dass dort Innovationen vorangetrieben werden, spürt man.

Ihre Strahlkraft, ihre Empathie, die sanfte und doch bestimmte Art, mit der sie auftreten, hat mich neugierig werden lassen. Sie sind anders. An ihren Sätzen bleibt man hängen. Sie gehen über das hinaus, was man sonst an steriler Wissensvermittlung aus der Medizin kennt. Hinweise auf Statusdenken sucht man vergeblich. Das Gegenteil ist der Fall. Sahin und Türeci betrachten ihre Arbeit ausschließlich als humanitären Dienst an der Weltgesellschaft. Sie selbst haben sich erst impfen lassen, als sie an der Reihe waren.

Den beiden „Wissenschaftler(n), – durch und durch“, wie sie über sich sagen, wurde in diesem Jahr im nordspanischen Oviedo der renommierte Prinzessin-von-Asturien Award verliehen, der „Spanische Nobelpreis“. Anlässlich der Preisverleihung hat euronews dieses prägnante Interview mit ihnen geführt.

Ugur Sahin und Özlem Türeci über ihre langjährige wissenschaftliche Arbeit als Immunologen

Textversion

https://www.google.de/amp/s/www.euronews.com/amp/2021/10/26/the-couple-behind-biontech-s-covid-19-vaccine-win-a-princess-of-asturias-award

Übersetzung in Auszügen

Was sagen Sie zu denjenigen, die noch zögern, sich impfen zu lassen?

Ugur Sahin:

„Ich denke, auf der einen Seite müssen wir uns die Bedenken anhören, denn es kursieren viele Falschinformationen und die Menschen wissen nicht, wem sie vertrauen können. Deshalb ist es unsere Aufgabe, zu informieren. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, jedes einzelnen, die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Ich denke, es ist wirklich sehr wichtig, dass jeder, der sich hat impfen lassen und es gut vertragen hat, dieses auch kommuniziert. Wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen und vermeiden, dass wir in verschiedenen bubbles, verschiedenen Realitäten enden.“

Am Anfang hieß es, vor mehr als einem Jahr, dass es unmöglich sei, in so einer Rekordzeit einen Impfstoff herzustellen und doch haben Sie es geschafft. Können Sie daher die Angst und die Zurückhaltung verstehen?

Özlem Türeci:

„Ja, absolut. Wir verstehen das. Es beschränkt sich nicht nicht nur auf den Impfstoff. Generell möchten die Menschen zuerst verstehen, was genau passiert, da sind so viele Informationen, es ist schwierig, sie zu sortieren. Wir sind ausgebildete Ärzte. Wir haben zum Beispiel Krebspatienten behandelt. Und in jedem einzelnen Fall haben die Patienten die selben Fragen gestellt. Was bedeutet die Behandlung für mich? Wird sie schmerzhaft sein? Die Menschen möchten darüber informiert werden, was mit ihnen und ihrem Körper passieren wird. Das ist etwas sehr Natürliches.“

Ugur Sahin:

„Was auch wichtig ist, zu verstehen, der Impfstoff ist nicht innerhalb eines Jahres entwickelt worden. Der Impfstoff wurde in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten erforscht. Er ist wie ein Sprinter, der sein Leben lang für diesen einen Moment trainiert hat, in der kürzest möglichen Zeit das Rennen gegen diese Pandemie zu gewinnen … .“

„Luft habe ich immer bekommen“

Was würden Sie anderen Impfgegnern raten? Der Risikopatient: “Weitermachen“

Ein nach eigenen Angaben nicht übergewichtiger Wirtschafts
-Professor möchte kein “Versuchskaninchen“ sein

Und wenn die Aufmerksamkeitsspanne es noch zulässt …

… Doc Moder hat gebastelt und erklärt schön

Trotzig in der ehemaligen DDR

Ich versuche das große Ganze zu verstehen und warum in einigen Ländern, mehr als in anderen, ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung so trotzig auf Impfangebote reagiert. Es ist auffällig, dass es sich vorwiegend um den deutschsprachigen Raum handelt. Man kommt auf die Idee, dass es in diesen Gesellschaften eine Tendenz gibt, besonders anfällig für manipulative Strukturen zu sein, – was sich durch die Geschichte Deutschlands leicht belegen lässt. Youtube wird zum Problem.

„Nie wieder Diktatur!“ Und diese Verweigerungshaltung gibt dem Einzelnen vermeintlich eine gewisse Signifikanz. Er blockiert, wird seitens des Staates dringend um Eigeninitiative gebeten, kann aber (noch) nicht zur Impfung verpflichtet werden.

Intellektuelle Trennschärfe sucht man vergeblich. Es ist erschreckend, wie wenig differenziert die Äußerungen vieler Demonstranten sind, die auf Reporterfragen reagieren.

Realitätsverweigerung existiert auch in den USA
Stephanie, ungeimpft, St. Charles Hospital in Bend, Oregon, USA

Zum Verständnis

Ich denke weiter nach.

Deutschlands Informationspolitik müsste sich ändern und Österreichs parallel dazu. Die besten PR-Agenturen sollten neue Strategien entwickeln. Keinen Stereotype mehr. Nicht immer repetitive Bilder. Statt zum Ziel zu führen, haben sie Abstumpfungsprozesse in Gang gesetzt. Ein Blick auf Covid-Präventions-Kampagnen anderer Länder könnte sich lohnen. Warum passiert hier nichts?

„ Impfen ja oder nein, … ich kann Ihnen versichern, es ist viel schwieriger, … zu entscheiden, wie man die Beerdigung seines Partners arrangieren soll.“

Und: Es sieht so aus, als hätten Vorträge von Wissenschaftlern per se eine abschreckende Wirkung. Jedenfalls auf den bildungsfernen Teil der sich verweigernden Bevölkerung. Es findet keine Identifizierung mit Universitätsprofessoren und Politikern statt. Schon aus Prinzip nicht. Zu groß die Diskrepanzen zwischen Sendern und Empfängern.

Der Protest der Uneinsichtigen setzt sich vermutlich aus vielen unterschiedlichen Emotionen zusammen, die nicht alle direkt etwas mit dem Thema „ich lasse mich nicht impfen, weil …“ zu tun haben. Tiefe Unsicherheit und die Genugtuung über eine Chance, sich den Eliten zu widersetzen, sind nur zwei Beispiele.

Gesellschaftliche Posttraumatische Belastungsstörung im Osten

Was mit einer Person nach langem emotionalen Missbrauch passiert, lässt sich vielleicht auf gesellschaftliche Gruppen übertragen. Fremdbestimmung löst bei ihnen Trigger aus.

Auch wenn es sich um vollkommen andere Zusammenhänge handelt und die Faktenlage eindeutig ist, sind große Teile der Bevölkerung anhaltend misstrauisch. Sie unterscheiden nicht.

„Die Menschen denken in Blöcken“, sagte mein Sohn vor vielen Jahren. Wie Recht er hat.

Wer sind wir

Noch Jahrzehnte später sind beispielsweise in Sachsen, Sachsen-Anhalt und in Thüringen die Auswirkungen des autoritären Regimes spürbar.

Viele Menschen in ostdeutschen Regionen haben offensichtlich noch keine eigene, gesunde Identität entwickelt. Immernoch gibt es Vorbehalte gegenüber Westdeutschen. Oft auch Neid. Ich habe das selbst erlebt. Spielt dieser Minderwertigkeitskomplex vielleicht auch innerhalb der Impfdebatte eine Rolle? Man könnte darauf kommen.

Besonders deutlich kann man diese fehlende innere Orientierung am immernoch hohen Grad an ideologischer Verführbarkeit erkennen. Es gibt eine Anfälligkeit. SED, Die Linke, AFD und jetzt Querdenker hatten oder haben es in einer lange vernachlässigten Gegend Deutschlands zu leicht. Eine CDU konnte offensichtlich die Sehnsucht dieser Menschen nach Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit nur begrenzt erfüllen.

Reichsbürger wünschen sich aktuell die Monarchie zurück. Frauen sollen sich ausschließlich um Familie kümmern und früher, ja früher, hat das Gehalt des Mannes noch für alle gereicht. Das sind Gedanken von Menschen, die rationale Argumente ablehnen, Dokumentationen über totkranke Covid-Patienten ignorieren und behaupten, diese Szenen wären gestellt und Bill Gates wolle uns alle mit dem Impfstoff Nano-Chips injizieren.

Als sich Laschet auf aberwitzige Weise selbst inthronisierte, haben sich viele im Osten abgekoppelt. Mit ihm waren sie klar nicht einverstanden. Dann wenigstens Söder, – jedenfalls hätten sie eine überzeugende politische Autorität gebraucht. Er hätte unmissverständliche Anweisungen gegeben. Ihm wären sie gefolgt.

Zur Zeit befinden sich die Unbelehrbaren mit ihrer Anti-Vax Ideologie im freien Fall. Ich bin gespannt, was Scholz dem entgegenzusetzen hat. Er macht auf mich den Eindruck, sich nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen zu wollen.

Mittlerweile bin ich nicht mehr vorsichtig in meinem Urteil und es wundert mich umso mehr, dass Frau Dr. Türeci und Herr Professor Sahin so gleichmütig und geduldig bleiben, wenn sie von Impfskeptikern sprechen, denen man zuhören müsse.

New York Times